Es ist eine bereichernde wie manchmal gleichermassen frustrierende Tatsache: Viele Menschen haben andere Werte, Überzeugungen und Prinzipien als wir. Das führt nicht selten zu Konflikten in unserem Leben. In diesem Beitrag skizziere ich ein paar lose Ideen, wie wir solche Konflikte konstruktiver austragen können auf Basis meiner Erfahrungen als angehende Mediatorin und Philosophieabsolventin.
Wie können wir einen Wertekonflikt eigentlich verstehen?
Um darüber nachzudenken, wie wir besser mit Wertekonflikten umgehen können, hilft es zunächst einmal besser zu verstehen, was mit Wertekonflikt eigentlich alles gemeint sein kann – über die Tatsache hinaus, dass wir in diesen Konflikte irgendwie unterschiedliche Werte oder Ansichten haben. Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, wird sich daran erinnern, dass ich bei Konflikten und Uneinigkeiten zwischen sogenannten Überzeugungs- oder Meinungskonflikten auf der einen Seite und Handlungskonflikten auf der anderen Seite unterschieden habe.
Zur Erinnerung: Handlungskonflikte betreffen im Kern die Frage, wie wir in einer Situation handeln oder mit dieser Situation umgehen sollten. Bei Überzeugungs- und Meinungskonflikten hingegen steht die Frage nach der Wahrheit im Zentrum – ob die eine oder andere Aussage zu einem bestimmten Thema stimmt.
Ich glaube nun, dass mit Wertekonflikt analog zwei Dinge gemeint sein können. Wer von einem «Wertekonflikt» spricht, kann damit einerseits einen Überzeugungskonflikt meinen. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn wir uns darum streiten, ob Fleisch essen moralisch vertretbar ist oder nicht.
Mit einem «Wertekonflikt» kann andererseits auch eine Form von Handlungskonflikt gemeint sein. Das wäre zum Beispiel der eher praktische Streit zwischen einer Fleischesserin und einem Vegetarier darüber, in welches Restaurant sie essen gehen wollen. Wertekonflikte im Sinne von Handlungskonflikten sind dabei meistens diejenigen Konflikte mit Blick auf unser Zusammenleben, die sich daraus ergeben, dass wir Wertekonflikte im Sinne von Überzeugungskonflikten haben.
Vorab: Sich bewusstwerden, welche Art von Konflikt man eigentlich genau austragen will (oder gerade austrägt)
Das Problem, das wir bei beiden Arten von Konflikten haben, ist oft dasselbe: nämlich, dass der Konflikt schnell unkonstruktiv, persönlich werden und eskalieren kann. Die Unterscheidung ist dennoch relevant, weil wir in den unterschiedlichen Arten von Konflikten oftmals andere Ziele verfolgen und erreichen können. In einem Überzeugungskonflikt geht es uns oft ums Recht haben, würde ich behaupten. Vielleicht auch ums Verstehen und den intellektuellen Austausch. In einem Handlungskonflikt hingegen geht es nicht zuletzt darum, eine Lösung für ein konkretes Problem zu finden – zu definieren, was wir jetzt tun sollen. Das hat einen Einfluss darauf, was genau die Mittel sind, die wir einsetzen können, damit das Gespräch konstruktiv bleibt.
Entsprechend scheint der erste Schritt für einen guten Umgang mit einem Wertekonflikt deshalb zu sein, sich zu fragen, um welche Art von Konflikt es sich eigentlich genau handelt bzw. sich bewusst zu werden, was man in diesem Konflikt eigentlich genau erzielen will. Geht es darum, dass ich ein praktisches Problem im Zusammenleben mit einer anderen Person lösen will? Oder geht es mir vielmehr darum, dass ich eigentlich eine Debatte darüber führen will, was richtig, wichtig, gut usw. ist? Anstelle der üblichen Ratschläge von «höre gut zu» oder «verurteile die andere Seite nicht» skizziere ich nachfolgend je eine Idee, was man tun kann, um einen Wertekonflikt in eine konstruktive Richtung zu lenken, nachdem man diese Frage für sich geklärt hat.
Wertekonflikte als Handlungskonflikte: Lösungen über Bedürfnisse und Interessen finden
Hinter unseren starren Lösungsvorstellungen in einem Wertekonflikt qua Handlungskonflikt stecken oft ganz bestimmte Bedürfnisse oder Interessen. Das können physische Bedürfnisse wie beispielsweise Hunger oder Durst sein. Ein materiales Interesse daran, ein bequemes Bett zu haben, um gut in der Nacht schlafen zu können. Das können aber auch psychologische Bedürfnisse wie beispielsweise ein Wunsch nach Anerkennung und das im Kontext einer Anstellung damit verbundene Interesse an einer Beförderung sein.
Die sogenannte bedürfnis- und interessenbasierte Mediation geht davon aus, dass in genau diesen Bedürfnissen und Interessen der Schlüssel zu einer Einigung in einem Konflikt liegt. Denn Interessen und Bedürfnisse können oft auf verschiedene Arten befriedigt werden. Entsprechend gilt: Wenn wir von den Interessen und Bedürfnissen von uns und den anderen her nach Lösungen suchen, öffnen wir den Lösungsraum und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine Lösung finden, die für alle Parteien passt.
Übertragen auf Wertekonflikte bedeutet das: Wenn ich festgestellt habe, dass das, was ich will, eigentlich eine konkrete Lösung ist – ich mich also in einem Handlungskonflikt sehe oder mich um diesen Aspekt des Konflikts kümmern kann –, kann ich mir genau diesen Gedanken zunutze machen. Das heisst, ich kann vorschlagen, dass jede:r von uns sich überlegt, was eigentlich unsere Bedürfnisse und Interessen sind, und die Diskussion hierüber zu führen versuchen anstatt über Grundsatzprinzipien.
Um beim Beispiel von vorher zu bleiben: Als Vegetarier kann eines meiner Bedürfnisse beispielsweise sein, eine vegetarische Option beim Abendessen zu haben. Als Fleischesserin ist es mir vielleicht wichtig, trotz der moralischen Differenzen mit meinem Partner einen schönen Abend verbringen zu können. Wir können nun unseren Konflikt also zu lösen versuchen, indem wir uns überlegen, wie wir den Restaurantbesuch so gestalten können, dass unser beider Bedürfnisse und Interessen befriedigt werden – und danach das Restaurant nach diesen Kriterien auswählen.
Und wenn es mir um die Grundfragen im Leben geht?
Wie oben ausgeführt, sind nicht alle unsere Wertekonflikte solch praktischer Natur. Manchmal geht es uns wirklich um die Grundfragen im Leben. Aber wie führe ich jetzt diese Debatte konstruktiv?
Die gängige Weisheit scheint mir zu sein, dass wir in solchen Diskussionen nicht versuchen sollten, recht zu haben. Ich glaube aber, dass es unglaublich schwierig ist, dieses Bedürfnis einfach abzuschalten oder zu unterdrücken. Denn wie oben ausgeführt: Irgendwie ist das oft einfach auch das, worum es uns in einem Überzeugungskonflikt zu gehen scheint. Mein persönliches Learning aus der Philosophie ist denn auch das Gegenteil: Eine gute Diskussion ergibt sich oft daraus, dass wir genau an diesem Bedürfnis festhalten. Was den entscheidenden Unterschied macht, ist unsere Meta-Haltung oder Meta-Sicht auf dieses Bedürfnis.
Wertekonflikte als Überzeugungskonflikte: Das Bedürfnis, recht haben zu wollen, mit einem anderen Mindset konstruktiv umnutzen
Was Philosoph:innen trotz ständigen und oft tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten in ihrer Arbeit eint, so würde ich behaupten, ist nicht nur eine Begierde, recht zu haben. Es ist auch eine Begierde, effektiv richtig zu liegen – also etwas in seiner Ganzheit akkurat zu verstehen und richtig zu erfassen[1]. Recht haben und richtig liegen werden denn in philosophischen Streitigkeiten (zumindest in der Idealvorstellung) auch gleichgesetzt.
Diese Gleichsetzung wiederum gibt, glaube ich, der gegenseitigen Kritik an einer Überzeugung eine positive Färbung: Kritik ist nicht einfach ein Hinweis, dass man nicht recht hat. Wer sich die Zeit nimmt, die andere Position zu kritisieren, gibt damit der anderen Person einerseits zu verstehen, dass ihre Position durchdacht genug für gute Kritik ist. Das ist schon mal ein Kompliment. Sie gibt ihr andererseits eigentlich auch Hinweise darauf, wie sie ihre Position noch standfester machen kann – und somit wegen der Gleichsetzung von recht haben und richtig liegen auch, wie sie noch besser und noch eher recht haben kann.
Das klingt jetzt alles etwas kompliziert. Was ich eigentlich sagen will, ist, dass ich glaube, dass Wertekonflikte qua Überzeugungskonflikte für beide Seiten bereichernd sein können, wenn wir mit einem ähnlichen Mindset an den Konflikt herangehen. Wenn wir uns also in solchen Diskussionen von unserer Neugierde und dem Verlangen, Dinge richtig zu verstehen, versuchen leiten zu lassen, und Kritik mehr als Hilfestellung denn als persönlichen Angriff zu sehen versuchen.
Das ist natürlich nicht nur einfacher gesagt denn getan, sondern erfordert auch relativ viel an Abstraktionsvermögen und Disziplin im jeweiligen Moment. Ich würde deshalb empfehlen, Wertekonflikte qua Überzeugungskonflikte bewusst und nur dann zu austragen, wenn man die nötigen persönlichen Ressourcen für das Gespräch hat. Ist dies nicht der Fall, verschiebt man das Gespräch besser.
Fazit: Es bleiben viele Fragen offen
Das sind nur ein paar erste gedankliche Ansatzpunkte für einen besseren Umgang mit Wertekonflikten. Natürlich fehlt hier vieles. Beispielsweise schon nur eine Antwort auf die Frage, was wir tun können, wenn unser Gegenüber nur schwer mit sich reden lässt. Auf diese und weitere Fragen werde ich gerne in weiteren Blogbeiträgen eingehen.
[1] «Philo-sophia», das griechische Wort, von dem «Philosophie» abstammt, heisst denn nichts anderes als «Liebe zur Weisheit».