Hinweis: Dieser Beitrag ist im Frühjahr 2022 Rahmen eines Seminars zum Thema Web Development und Datenvisualisierung des Masterstudiengangs Politologie an der Universität Zürich entstanden.

Manche üben Kritik, andere lassen einfach Dampf ab und wieder andere nutzen das Thema als Steilvorlage für ihre politische Agenda: So äussern sich Schweizer Parteien zur Coronapandemie auf Facebook. Eine Analyse.

Corona ist nicht der Fokus der Parteien

Eine Analyse von Facebook-Beiträgen der Schweizer Parteien vom März letzten Jahres bis März diesen Jahres zeigt, dass durchschnittlich nur knapp mehr als jeder neunte Parteienpost eine Referenz auf die Pandemie enthält. Das mag zunächst wie erstaunlich wenig wirken, wenn man bedenkt, wie stark das Thema die Schweizer Stimmbürgerschaft bewegt hat. So war die Coronakrise laut dem Sorgenbarometer der Credit Suisse die zentrale Sorge für rund 51% aller Schweizer Stimmbürger:innen im Jahr 2020.

Daten: Digital Democracy Lab via Crowdtangle.
Grafik: Gina Messerli

Wieso haben die Parteien das Thema verhältnismässig wenig aufgegriffen? Laut Maël Kubli, Assistent am Insitut für Politikwissenschaft der Univresität Zürich und Programmierer für das Digital Democracy Lab, gibt es hierfür einen guten Grund: «Parteienaccounts werden vor allem benutzt, um Abstimmungswerbung zu machen. Aktuelle Themen werden generell nur selten thematisiert».

Die FDP hat die Pandemie am Häufigsten aufgegriffen

Obwohl im Schnitt nur etwas mehr als jeder neunte Post der Schweizer Parteien Corona zum Thema hat, lassen sich grosse Unterschiede darin erkennen, welche Partei wie viel zum Virus und zur Pandemie gepostet hat. Im Ranking dominiert die FDP, die mit rund 15% aller Posts am meisten über Corona gesprochen hat. Es folgen die SP mit rund 12% und die SVP mit 11% aller Posts. Das Schlusslicht bilden die Grünen mit nur 7% aller Posts zu Corona.

Daten: Digital Democracy Lab via Crowdtangle.
Grafik: Gina Messerli

Vergleicht man diese Zahlen mit der Analyse der Parlamentsreden der NZZ, so präsentiert sich auf Facebook das umgekehrte Bild zum Parlament. Dort sind es die Grünen, die Corona besonders häufig in ihren Reden aufgegriffen haben, während die FDP sich am wenigsten von allen Parteien zur Krise äusserte.


Mit zwei Vertretungen im Bundesrat wollte die FDP wohl im Parlament ihren Bundesrät:innen nicht in den Rücken fallen, meint Kubli. Gleichzeitig sei klar, dass eine FDP den Coronamassnahmen aus wirtschaftlichen Gründen immer eher negativ gegenüber gestanden ist. «Die FDP musste ihren Frust irgendwo ablassen. Sie musste den Wähler:innen zeigen, dass sie nicht für die Massnahmen ist. Das hat sie wahrscheinlich auf Facebook getan», erklärt Kubli.

Krise, Bundesrat, Massnahmen: Die zentralen Themen

Einige spannende und weniger spannende Erkenntnisse bringt die Untersuchung der Worte, die in Posts zur Pandemie insgesamt am häufigsten verwendet wurden. Der Einfachheit halber wurden hier nur deutschsprachige Posts analysiert. So wurden über alle Parteien hinweg in deutschsprachigen Posts am meisten über die Schweiz, den Bundesrat und die Massnahmen gesprochen. Das ist wenig überraschend.

Daten: Digital Democracy Lab via Crowdtangle.
Grafik: Gina Messerli

Interessant ist hingegen, dass es auch Erwähnungen der SVP und der FDP in die Top-10 der am meisten verwendeten Worte in den Parteienposts zur Pandemie schaffen. Eine Analyse dessen, wer diese Ausdrücke verwendet, zeigt: Es sind vor allem die SVP und die FDP selbst. Die beiden Parteien scheinen also die Krise nicht zuletzt genutzt zu haben, um sich selbst in ihren Posts ins Zentrum zu rücken.

Eine kritische SVP, eine hoffnungsvolle FDP und opportune Grüne

Weitere Einsichten bringt eine Analyse dessen, worüber eine Partei charakteristischerweise im Vergleich zu den anderen Parteien gesprochen hat. Dazu ist eine sogenannte Keyness-Analyse nützlich. Mit dieser lässt sich herausfinden, welche Worte in den deutschsprachigen Corona-Posts einer Partei im Gegensatz zu denjenigen der anderen Parteien überverhältnismässig oft vorgekommen sind.

Hier wiederum scheinen sich die SVP und die FDP relativ stark voneinander zu unterscheiden. Die Posts der SVP zeichnen sich u.a. charakteristischerweise durch negativ behaftete Worte wie «Willkür», «Ablehnung», «Realitätsfremd» oder auch «Schaden» aus. In ihren Posts scheint es also oft um Kritik an den Massnahmen und den in die Pandemie involvierten Akteuren, wie beispielsweisen den Bundesrat, zu gehen, der ebenfalls überproportional oft Erwähnung findet. Die FDP hingegen schlägt einen hoffnungsvolleren Ton an. Sie verwendet charakteristischerweise Worte wie «Chance», «Zukunft» oder «Gemeinsam» in ihren Posts. Selbst wenn die FDP also nicht hinter den Massnahmen steht, scheint sie dies in ihren Posts weniger direkt geäussert zu haben als die SVP.

Während sich bei der SP, den Grünliberalen und der Mitte nur wenig interessante Erkenntnisse herauskristallisieren, ist der Blick auf die Grünen umso spannender. So scheinen diese die Pandemie im Gegensatz zu den anderen Parteien auch dafür genutzt zu haben, ihre Themen auf den Radar zu holen. Sie verwenden u.a. charakteristischerweise Worte wie «Klimakrise», «Gleichstellung» oder auch «Care» . Obwohl die Grünen also ingesamt am wenigsten über Corona gesprochen haben, scheinen sie sich das Thema stärker für ihre politischen Ziele zunutze gemacht zu haben als die anderen Parteien.



Methode & Analyse

Für diese Textanalyse wurde ein Datensatz verwendet, der vom Digital Democracy Lab mittels Crowdtangle erstellt wurde. Der Datensatz enthält die Facebook Posts der Parteiaccounts Schweizer Parteien von Januar 2018 bis März 2021. Für die Analyse wurden nur Posts ab dem zweiten März 2020 und Posts grösserer Schweizer Parteien (SP, SVP, Die Mitte, Grüne, Grünliberale, FDP) berücksichtigt. Die Parteien CVP und EVP wurden zur Partei Die Mitte zusammengefasst.

Für die Analyse wurden zwei Textcorpora erstellt: Ein Corpus aus allen Posts im ausgewählten Zeitraum und ein Corpus mit Posts spezifisch zu Corona. Für beide Corpora wurden Zahlen, Symbole, Sonderzeichen und sogenannte Stopp-Wörter – Füllwörter wie «aber» und «oder», die nur wenig zum Inhalt eines Texts beitragen – entfernt und die Texte gestemmt, d.h. auf ihre Wortstammformen zurückgeführt. Für die ersten zwei Untersuchungen – die Häufigkeit der Erwähnung des Coronathemas insgesamt und nach Partei – wurde ein Diktionär auf den Corpus mit allen Posts angewendet, der Begriffe zur Coronapandemie wie «Corona», «Covid» oder «Pandemie» enthält. Für die Analyse der am häufigsten verwendeten Worte in Zusammenhang mit Corona wurde nur der Corpus mit Posts zur Pandemie verwendet und dort geschaut, welche Worte am häufigsten verwendet wurden. Für die Keyness-Analyse wurde mittels der im R-Package Quanteda integrierten textstat_keyness Funktion im Corpus mit nur Posts zu Corona untersucht, welche Worte von welcher Partei überproportional häufig im Vergleich zu den anderen Parteien verwendet wurden.

Der Code für die Analyse kann hier heruntergeladen werden.