Daniel Schwartz dokumentiert eindrücklich Gletscher rund um die Welt – ihren Zerfall und ihr Verschwinden. Ein Gespräch mit dem Solothurner Fotografen über seine Gletscherbilder und die Klimakrise.

Daniel Schwartz – Sie fotografieren Gletscher. Aber wieso eigentlich?

Schwartz: Seit ich in den 90er Jahren die condition humaine in den Flussdeltas in Südostasien dokumentiert habe, ist das Klima ein Leitmotiv für mich. Der Fokus auf die Gletscher ist eine Reaktion darauf, dass die Klimakrise mit dem Auftauen des Permafrosts und den schneearmen Wintern auch in die Schweiz gekommen ist. Denn als Schweizer habe ich eine emotionale Beziehung zum Gletscher – ich erlebe den Verlust von etwas, das ich seit meiner Kindheit kenne.


Weshalb sind Gletscher so faszinierend?

Schwartz: Im Gletscher zeigt sich die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Man sieht, was wir als menschliches Kollektiv im Rahmen unserer planetarischen Umgestaltung eigentlich veranstalten. Er ist ein forensisches Archiv, weil aus seinem Abschmelzen Technofossilien und die sterblichen Überreste im Eis gefangener Menschen und Tiere auftauchen, und konfrontiert uns so mit unserer Geschichte. Zu guter Letzt ist er auch eine Manifestation unserer Zukunft, da wir aus Analysen von Eisbohrkernen Simulationen ableiten und Prognosen treffen. Genau dieses Archiv und diese Quelle von Simulationen kommt uns nun abhanden!

«Man kann nicht etwas retten, wovon man selbst Teil des Problems ist»

Ist Ihre Arbeit ein Versuch, auf den Verfall der Gletscher aufmerksam zu machen?

Schwartz: Ich will schon, dass meine Arbeit etwas bewirkt. Aber ich will keine Gletscher retten. Das ist unsinnig.


Wieso?

Schwartz: Die Gletscher machen seit ca. 1750 das, was die Menschheit klimatisch injiziert. Wir sind die Verursacher des beschleunigten Gletscherschwunds. Man kann aber nicht etwas retten, wovon man selbst Teil des Problems ist. Sonst müsste man sich konsequenterweise eigentlich selbst abschaffen und das ist der falsche Ansatz.

«Die Klimakrise ist bereits – das beinhaltet aber auch die Chance der Anpassung»

Was wäre denn der richtige Ansatz?

Schwartz: Ich glaube, wir müssen erkennen, dass wir die Klimakrise nicht bewältigen können. Die Klimakrise kommt nicht erst, sondern ist bereits. Das beinhaltet aber auch die Chance der Anpassung, die wiederum bedingt, dass wir uns eingestehen, dass wir ein existenzielles Problem haben.


Welches Konfliktpotenzial sehen Sie in der Zukunft?

Schwartz: Wenn die Gletscher in der Schweiz schmelzen, dann mag das vielleicht zu der grotesken Situation führen, dass wir mit Italien darüber diskutieren müssen, wem welche Skihütten gehören. Die Landesgrenzen sind nämlich entlang von Wasserscheiden definiert. In einem Fall wie China und Pakistan stehen sich in einer solchen Situation aber zwei Atommächte gegenüber.

«Die Menschheit wird lernen, sich von Doppelgaragen und Autobahnen zu verabschieden»


Das ist das Interessante: Man denkt immer, dass es irgendwelche Unwetter geben wird, vergisst aber, dass die Klimakrise auch geopolitische Implikationen hat.

Schwartz: Deshalb hat meine Arbeit zwar am glazial geprägten Jurasüdfuss angefangen, aber ich bin dann in die Gegenden gegangen, in denen es ums Existenzielle geht – nach Afghanistan und Uganda. Der Gletscherschwund ist eine Chance, die Beschleunigung der Klimakrise zu begreifen – ihre Schnelligkeit und Konsequenzen.


Haben Sie noch Hoffnungen, dass wir als Menschheit einen Weg finden, uns zum Umdenken zu bringen?

Schwartz: Über Worte wie «Jahrhundertereignis» findet langsam ein Umdenkprozess statt, weil wir merken, dass die Häufigkeit und Intensität solcher Wetterereignisse steigen. So, glaube ich, wird die Menschheit über einen schwierigen und mühevollen Weg lernen, sich von Doppelgaragen und Autobahnen zu verabschieden.

(c) Daniel Schwartz/ VII/ ProLitteris