Was ist Mediation?

Mediation ist ein aussergerichtliches Konfliktlösungsverfahren. In diesem moderiert eine unabhängige Drittperson in klar definierten Phasen den Dialog zwischen zwei oder mehr Konfliktparteien. Im Gegensatz zu anderen Problemlösungsverfahren ist eine Mediation freiwillig und ein:e Mediator:in bringt selbst keine Lösungsvorschläge ein. 

In meiner Weiterbildung werden zwei Dinge immer wieder aufgebracht. Ich nenne es: die zwei philosophischen Grundprämissen des Mediationsprozesses. Wahrscheinlich gibt es noch mehr, aber diese zwei finde ich gerade besonders spannend.

Prämisse 1: Konstruktivismus

Die erste ist ein, wie es genannt wird, konstruktivistisches Verständnis der Wirklichkeit. Gemäss diesem gibt es «keine objektive Realität (…), die eine Beobachterin neutral auffassen kann.

Stattdessen konstruiert jeder basierend auf individuellen Erfahrungen und subjektiven Werten seine Umwelt immer wieder neu» (Wüstehube: 2). Diese Aussage kann man auf mehrere Arten verstehen: als eine Aussage darüber, was existiert, als eine Aussage über unseren Zugang zu dem, was existiert, oder eine Aussage über beides. Was die Aussage im Minimum beinhaltet, ist die These, dass das, was wir wahrnehmen, fühlen, denken etc. nie neutral oder objektiv, sondern immer bereits irgendwie subjektiv gefärbt ist.

Prämisse 2: Volle Autonomie der Parteien

Die zweite Grundprämisse betrifft den normativ-ethischen Unterbau der Mediation. Was in einer Mediation letztlich mit Blick auf die Problem- wie Lösungsdefinition zählt, ist, dass diese für die in den Konflikt involvierten Parteien stimmig sind. Angehende Mediator:innen werden dazu ermutigt, sich ausser in Ausnahmefällen auch dann nicht über die Parteien zu erheben, wenn ihnen die Lösung merkwürdig oder wie auch immer «inkorrekt» scheint. Mediation macht also die Wahrung von Autonomie und Problemlösungskompetenz der Konfliktparteien zum quasi-obersten Gebot der Mediation selbst.

Sowohl die erste wie auch die zweite Prämisse haben einige interessante, aber möglicherweise auch problematische Implikationen – sowohl für sich als auch zusammen genommen. Werfen wir zuerst einen Blick auf die erste.

AD 1: Sind Konflikte damit nicht blosse Missverständnisse?

Die erste Prämisse beinhaltet, wie oben erklärt, im Minimum die These, dass unser Zugang zur Welt immer subjektiv gefärbt ist – und zwar in einem spezifischen Verständnis von «subjektiv». Die Subjektivität betrifft hier nicht nur unseren Zugang zur Welt als epistemischen Prozess, sondern auch das Resultat dieses Prozesses. Konflikte sind nach dieser Idee also naheliegenderweise Widersprüche in unseren subjektiven Realitätskonstruktionen. Um den Konflikt zu lösen, müssen wir an diesen Konstruktionen schrauben. Was tatsächlich der Fall ist, ist nicht objektivierbar und somit irrelevant.

Das mag nun erstmal intuitiv einleuchten. Schliesslich lösen sich viele Konflikte gerade dann auf, wenn wir einsehen, dass unser Gegenüber die Dinge anders erlebt hat oder sieht als wir. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob wir uns strenggenommen überhaupt in einem bedeutungsvollen Konflikt miteinander befinden können, wenn alles, was wir wahrnehmen, denken und fühlen immer schon durch unsere Erfahrungen und Werte vorgefiltert und konstruiert ist. Es liesse sich argumentieren, dass wir eigentlich gar nicht über denselben Konfliktgegenstand streiten, sondern in einem gewissen Sinne aneinander vorbeireden. Ich rede und streite schliesslich über meine subjektive Konstruktion der Wirklichkeit xdu redest und streitest aber über deine subjektive Konstruktion y. Wird das der Ernsthaftigkeit unserer zwischenmenschlichen Konflikte wirklich gerecht?

AD 2: Kann das nicht zu moralischen Problemen führen?

Auch die zweite Prämisse der Wahrung der Autonomie der Parteien als oberstes Gebot kann zu Problemen führen, wenn man etwas zu fest über sie nachdenkt. Das offensichtlichste dieser Probleme ist, dass sie rein theoretisch gesehen Übereinkünfte zwischen Parteien erlaubt, die intuitiv problematisch zu sein scheinen. Ein etwas sehr überspitztes Beispiel: Zwei Parteien einigen sich in einer Mediation darauf, dass sie ihren Konflikt lösen, indem sich eine Partei das Leben nimmt. Wenn beide Parteien aus freien Stücken und auch nach mehrmaligem Nachfragen der:des Mediator:in diese Lösung befürworten, so scheint rein mit Blick auf die Wahrung ihrer Autonomie nichts dagegen zu sprechen. Noch schlimmer: Die:der Mediator:in scheint sogar eine Pflicht zu haben, diese Lösung zu akzeptieren. Wir würden hier aber sagen, dass diese Lösung nicht nur geschmacklos bis absurd ist, sondern Mediator:innen eine solche Lösung gar nicht erst zulassen sollten. Es scheint also zumindest manchmal Fälle zu geben, in denen die Autonomie der Klient:innen nicht das oberste Gebot der Stunde sein kann. 

AD 1 und 2: Die drohende Gefahr ausgeblendeter Machtsymmetrien

Während man die ersten beiden Einwände sicherlich als überspitzt oder konstruiert (höhö) ansehen kann – in der Praxis würde wohl niemand ernsthaft vorschlagen, sich selbst das Leben zu nehmen, um den Konflikt zu beenden – ist der dritte meines Erachtens wahrscheinlich ein relevanteres Praxisproblem. Er haftet beiden Prämissen nach und verstärkt sich meines Erachtens, wenn man sie gemeinsam betrachtet. Und zwar verleitet die Idee der subjektiven Konstruktion des Konfliktgeschehnisses in Kombination mit einem starken Festhalten an der Autonomie der Parteien bei der Lösungsfindung dazu, problematische Machtasymmetrien auszublenden, wenn man nicht gut aufpasst. Im worst-case Szenario können so in einer Mediation beispielweise Perspektiven von marginalisierten Personen oder Opfern relativiert und Übereinkünfte getroffen werden, die stark zum Nachteil dieser Personen sind. Ich glaube aber, dass die:der Mediator:in in solchen Fällen nicht nur das Recht, sondern sogar eine Pflicht hat, Gegensteuer zu geben.

Quo Vadis?

Die naheliegende Frage ist jetzt natürlich: Wie können wir diese Probleme umgehen? Darauf möchte ich in einem zweiten Teil eingehen.


Quellen

Wüstehube, L. (2019). Wirkung und Nutzen von Körpersprache in der Mediation. In: Kracht, S., Niedostadek, A., Sensburg, P. (eds) Praxishandbuch Professionelle Mediation. Springer Reference Psychologie . Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-49657-2_37-1