In meinem letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass die Mediation, wie ich sie aktuell kennen lerne, auf zwei Grundprämissen zu fussen scheint: einem, wie es genannt wird, konstruktivistischen Verständnis der Wirklichkeit, und einer quasi-absoluten Wahrung der Autonomie der Konfliktparteien. Diese Grundannahmen, habe ich argumentiert, können zu Problemen führen, wenn man sie in voller Ernsthaftigkeit zu Ende denkt.

Ich habe am Ende des Beitrags die Frage aufgeworfen, wie man diesen Problemen begegnen könnte. Aus Platzgründen habe ich mich dazu entschieden, meine Antwortskizze in zwei Beiträge aufzuteilen. In diesem Teil konzentriere mich auf die erste Prämisse, den Konstruktivismus.

Bevor ich aber loslege, möchte ich zunächst kurz auf eine Rückmeldung eingehen, die mich in der Zwischenzeit erreicht hat. Für diese bedanke ich mich herzlich. Es freut mich, nehmen Menschen sich Zeit, meine Inhalte zu lesen und kritisch darüber nachzudenken!

Why so serious?

Einen berechtigten Einwand, den man gegen meine kleine Auseinandersetzung haben kann, ist, dass in der Praxis wahrscheinlich niemand diese beiden Grundsätze so für bare Münze nimmt. Tatsächlich bin ich geneigt, dem zuzustimmen. In der Realität gibt es auch nicht die Mediation, sondern unterschiedliche Mediationsschulen und -praktiken mit zum Teil anderen Annahmen[1]. Insofern bin ich in meinem letzten Beitrag zugegebenermassen etwas über das Ziel hinausgeschossen…

Ich glaube, dass das Zu-Ende-Denken solcher Grundsätze trotzdem einen Sinn und einen Wert hat. Wenn ich beispielsweise überzeugt davon bin, dass Autonomie ein wichtiger Grundsatz der Mediation ist, dann werde ich mich davor hüten, die Lösungsvorschläge meiner Klient:innen einzuschränken – selbst, wenn das, wie im letzten Beitrag gezeigt, manchmal vielleicht sinnvoll wäre. Die Frage, die sich stellt, ist also, wo die Grenze unserer Grundsätze genau liegt. Trotz ihrer leichten Absurdität kann die Übung genau helfen, diese Grenzen zu entdecken und uns so möglicher blinder Flecken als Mediator:innen bewusst zu werden.

Nun aber zurück zur eigentlichen Frage: nämlich, wie man die Probleme eines konstruktivistischen Verständnis’ der Wirklichkeit, die sich im Kontext der Mediation ergeben, umschiffen könnte.

Kurze Wiederholung: die Prämisse und ihr Problem

Zur Erinnerung: Gemäss dem Konstruktivismus[2], wie er genannt wird, gibt es «keine objektive Realität (…), die eine Beobachterin neutral auffassen kann. Stattdessen konstruiert jeder basierend auf individuellen Erfahrungen und subjektiven Werten seine Umwelt immer wieder neu» (Wüstehube: 2). 

Was diese Aussage im Minimum beinhaltet, ist die These, dass a.) alles, was wir wahrnehmen, fühlen, denken etc. immer bereits irgendwie subjektiv gefärbt ist und wir b.) keinen Zugang zu einer objektiven Realität haben (was auch immer das genau heisst). Das hat die etwas unschöne Konsequenz, dass Konflikte in dieser Interpretation zu einem Aneinender-Vorbei-Reden oder zu blossen Missverständnissen zu mutieren drohen. Denn jede:r spricht und streitet nach dieser Überlegung letztlich immer nur über ihre:seine eigene subjektive Konstruktion der Wirklichkeit. Das wiederum scheint nicht dem gerecht zu werden, wie sie sich ein Konflikt für uns anfühlt: nämlich, dass wir uns in einem Streit miteinander befinden und es mitnichten auch um etwas Substanzielles, ausserhalb unser Subjektivität Befindliches, geht.

Ich glaube, was die Attraktivität der konstruktivistischen Auffassung grundsätzlich motiviert, sind zwei Feststellungen: erstens, dass Konflikte – etwas plump ausgedrückt – entstehen, weil wir die Dinge anders sehen als unser Gegenüber. Zweitens, dass sich ein Konflikt oft löst, wenn wir die Perspektive unseres Gegenübers verstehen. Letzteres wird oft unter dem Stichwort «Perspektivenwechsel» diskutiert. Eine Alternative zum Konstruktivismus sollte diese Erkenntnis im Idealfall respektieren und gleichzeitig das oben angesprochene Problem lösen. 

Was ist denn nun die Alternative? Ich glaube es ist eine, nennen wir es mal, agnostischere Charakterisierung von Konflikten. Dazu können wir uns an Ideen aus der Philosophie des Dissenses bedienen.

Die Alternative: Mediationsfälle als Handlungskonflikte

Im Kern der Philosophie des Dissenses liegt die Frage, wie wir uns verhalten sollten, wenn wir feststellen, dass wir eine andere Überzeugung oder Meinung haben als unser Gegenüber. Die Disziplin unterscheidet für gewöhnlich verschiedene Arten von Konflikt. Ganz grob über den Kamm geschert könnte man sagen, dass wir begrifflich zwischen Handlungskonflikte, Überzeugungskonflikte und reine Meinungskonflikte unterscheiden können.

Ich glaube, dass Mediator:innen in erster Linie Handlungskonflikte zu lösen helfen bzw. die Mediation sich dafür am besten eignet. Handlungskonflikte sind Uneinigkeiten darüber, wie wir in einer bestimmten Situation oder Hinsicht handeln oder vorgehen sollten (Francis, Matheson (2024)). Sie zeichnen sich im Gegensatz zu Überzeugungskonflikten oder reinen Meinungskonflikten dadurch aus, dass wir früher oder später eine Entscheidung darüber treffen müssen, wie wir handeln – egal, welche Meinung oder Überzeugung wir zu dieser Situation haben.

In einem Erbstreit mit einem Geschwister beispielsweise müssen wir über kurz oder lang entscheiden, wie wir das Erbe aufteilen. Ich kann zwar sagen, dass mir egal ist, was damit geschieht. Aber irgendwas damit machen müssen wir eben trotzdem – ansonsten wird für uns gemacht. Wenn wir uns dagegen in einem Museum darüber streiten, welches Kunstwerk das schönere ist, dann müssen wir nicht auch noch entscheiden, ob das Kunstwerk nun entfernt werden oder im Museum blieben soll.

Aber was ist mit dem Perspektivenwechsel?

Mit dieser Überlegung haben wir bereits eine Charakterisierung von Konflikten im Rahmen der Mediation. Wir müssen an dieser Stelle gar keine strengen Aussagen zur Ontologie (was ist?) oder Epistemologie (was können wir wissen?) von Konflikten und unseren Parteien als Subjekten machen. Das vorherige Problem von Konflikten als reinen Missverständnissen löst sich aber. Denn zumindest eine Frage, über die die Parteien in der Mediation sprechen und streiten, ist unter dieser Auffassung identisch: nämlich, was in dem konkreten Fall letztlich zu tun ist. Und in diesem Sinne zumindest beziehen sich also Parteien auf dieselbe Frage und sind in einem tatsächlichen, substanziellen Konflikt miteinander – selbst, wenn sie in anderen Hinsichten die Dinge anders sehen mögen.

«Das klingt schön und gut», mag man sich nun denken. «Aber was ist mit dem Perspektivenwechsel? Verlieren wir den damit nicht?». Die Frage ist berechtigt, ich kann aber beruhigen: den Perspektivenwechsel können wir auch so einkaufen. Was der Perspektivenwechsel letztlich ist, ist eine Methode. Diese Methode ist nicht an eine spezifische Weltsicht oder Charakterisierung von Konflikten gebunden. Bzw. auch ohne genau Stellung dazu zu nehmen, wie Konflikte entstehen und was sie ontologisch oder epistemisch sind, können wir trotzdem sinnvollerweise davon sprechen, dass die Perspektive zu wechseln helfen kann, solche Konflikte aufzulösen.

Ausblick

Damit sind wir am Ende dieses Beitrags angelangt. In nächsten Beitrag möchte ich mich dem Thema Autonomie in der Mediation widmen. Für alle, denen es an dieser Stelle zu verkopft war: keine Sorge! Pragmatischere Beiträge sollen folgen.


Quellen

Frances, Bryan and Jonathan Matheson (2024): «Disagreement», In: The Stanford Encyclopedia of PhilosophyEdward N. Zalta & Uri Nodelman (eds.), URL = <https://plato.stanford.edu/archives/win2024/entries/disagreement/>. Zuletzt besucht am: 13.06.2025.

Shonk, Katie (2024) : «Types of Mediation: Choose the Type Best Suited to Your Conflict» In : PON – Program on Negotiation at Harvard Law School. URL = https://www.pon.harvard.edu/daily/mediation/types-mediation-choose-type-best-suited-conflict/. Zuletzt besucht am: 13.06.2025.

Wüstehube, L. (2019): «Wirkung und Nutzen von Körpersprache in der Mediation». In: Kracht, S., Niedostadek, A., Sensburg, P. (eds) Praxishandbuch Professionelle Mediation. Springer Reference Psychologie . Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-49657-2_37-1


[1] Das, wovon ich im letzten Beitrag gesprochen habe und dessen Handwerk ich aktuell lerne, ist eine Mischung aus interessenbasierter oder facilitativer und transformativer Mediation. Vgl. auch: Shonk (2024).

[2] In der Philosophie und den Sozialwissenschaften gibt es viele verschiedene Spielarten des Konstruktivismus’ und dessen, was «Konstruktivismus» genannt wird. Ich beziehe mich hier auf die Formulierung, die ich im Rahmen meiner Ausbildung gehört und gelesen habe.